1) "KINDERWELTEN" - KINDERN UND JUGENDLICHEN HELFEN,DEM TOD ZU BEGEGNEN
2)ASPEKTE - DIE EINMALIGKEIT DES LEBENS - EIN EINMALIGER SKULPTURENRUNDGANG
1) KINDERWELTEN" - ZUM STERBEN ZU WENIG!
Aktuelle Meldung: Geplante Eröffnung noch vor den Sommerferien! Wir bitten herzlich um großzügige Spenden und Sposoren!
Die Sonne scheint glitzernd, es ist ruhig, nur ein paar Vögel zwitschern. Die Idylle macht fast vergessen, warum sich die Menschen hier treffen. Wir sind auf dem Karlsruher Friedhof, ein Ort, auf dem offener als anderswo mit dem Thema Tod und Sterben umgegangen wird. Es geht um Verlust, Trauer, Angst und manchmal auch Wut für viele, die oft hierher kommen. Wie tragisch viele Momente sind, wird dem Beobachter bewusst, wenn er unter den Trauernden an den Gräbern auch Kinder entdeckt. Wie, fragt man sich unwillkürlich, kann diesen kleinen, verletzlichen Seelen geholfen werden, wenn sie einen Menschen verloren haben?
Im Oktober 2010 haben wir im Thema der Woche von Leander erzählt, dessen Papa gestorben ist. Leander muss nun wie die Großen mit all den Gefühlen umgehen, die alle Trauernden ereilen, mit Verlustängsten, der Hilflosigkeit, dem Schmerz.
Der kleine Junge geht weiter in die Schule, der Alltag ist wieder zurück. Dabei zeigt sich, dass nicht nur Leander selbst mit dem Thema Tod konfrontiert ist, sondern auch seine Mitschüler. Manche von ihnen können damit offensichtlich überhaupt nicht umgehen.
So erlebt Leander immer wieder, dass ihn andere Kinder mit seinem Schicksal „aufziehen“.
Auch die erfahrene Trauerbegleiterin Barbara Kieferle-Stotz (siehe Interview) ist über die kränkenden Äußerungen mancher Kinder bestürzt: „Dieses Phänomen bei den betroffenen Kindern und auch den Jugendlichen unserer Gruppen hätte ich in dieser Schärfe nicht erwartet, als wir 2005 unsere Kindertrauerarbeit am Hauptfriedhof begannen.“
Um daher auch den Kindern einen geeigneten Rahmen bieten zu können, so dass sowohl trauernde Kinder als auch ihre Freunde, Bekannte und Mitschüler lernen können, mit dem schwierigen Thema Tod und Sterben umzugehen, sollen nun die so genannten „Kinderwelten“ entstehen. Analog zu dem erfolgreichen „Lebensgarten“ sollen die „Kinderwelten“ mit eindrücklichen Texten und Bildern der Kinder, die sie im Rahmen der Trauergruppen erstellt haben sowie vielen anderen Symbolen, die Trauer der Kinder, aber auch der Jugendlichen spürbar und ansatzweise nachvollziehbar machen. Zwei sehr eindrückliche lebensgroße Symbole werden dabei von Holzbildhauer Lothar Rumold geschaffen, der bereits bei den vorangegangenen Projekten der
Trauerbegleitung seine aussagekräftigen Holzstatuen integrierte. Obwohl das Projekt fertig geplant ist, konnte noch nicht mit der Umsetzung begonnen werden, denn – wenngleich ein wichtiges Projekt – droht es an der Finanzierung zu scheitern: „Das einzige Hindernis sind die Kosten des Projektes. Vor allem die geplanten Spielgeräte, die natürlich TÜV-geprüft und damit sicher sein müssen, treiben die Kosten in die Höhe, so dass wir – trotz eingeplanter hoher Eigenleistungen – Projektkosten in Höhe von ca. 63.000 Euro einplanen müssen“, wie Barbara Kieferle-Stotz erklärt. Falls die Hälfte dieses Betrags bis Sommer zusammenkommt, kann jedoch doch noch dieses Jahr mit dem Bau begonnen werden. Ein Appell an die Hilfsbereitschaft der Menschen in Karlsruhe, wie sie zum Beispiel glücklicherweise beim Streichelzoo Gehör fand.
Vanessa Scheel
Spendenkonto:
Sparkasse Karlsruhe,
BLZ: 660 501 01, Konto
9000969, Verwendungszweck:
5.7440.000062.6
Führungen durch den Lebensgarten
werden regelmäßig angeboten, Informationen dazu unter
www.friedhof-karlsruhe.de
WIE KINDER MIT DEM TOD UMGEHEN!
Barbara Kieferle-Stotz ist Diplom-Sozialpädagogin und Trauerbegleiterin. Ihre Konzeption des „Lebensgartens“ auf dem Karlsruher Friedhof ist ein großer Erfolg. Nächster Schritt sollen die „Kinderwelten“ sein, berichtet sie im Interview mit „Wochenblatt“- Mitarbeiterin Vanessa Scheel.
???: Warum holt der Friedhof in Karlsruhe das Thema Tod und Sterben zurück in die Mitte der Gesellschaft?
Barbara Kieferle-Stotz: Unser Leitgedanke lautet „Der Friedhof ist für die Lebenden da“: Für die akut Trauernden, für Menschen, die schon lange zu den Gräbern ihrer Angehörigen kommen, ,für Menschen, die sich bei den zahlreichen Führungen, Ausstellungen und Vorträgen des Info-Centers dem Themenkreis „Sterben, Tod und Trauer“ nähern möchten und für Menschen, die die einzigartige Kultur des Abschieds, der Grab- und der Friedhofsgestaltung schätzen.
???: Was zeichnet in diesem Zusammenhang den „Lebensgarten“ aus?
Kieferle-Stotz: Der „Lebensgarten“ ist innerhalb des Hauptfriedhofes insofern ein besonderer Ort, in diesem Feld ist niemand bestattet. Der Lebensgarten bietet vielmehr als „symbolischer Trauerweg“ durch gestalterische Elemente, Symbolik und Texte einen geschützten Rahmen, um sich mit der eigenen Trauer auseinander zu setzen. Er lädt aber auch Menschen im Umfeld von Betroffenen und andere Interessierte ein,
sich dem Thema „Trauer“ einmal in freier Natur in Form eines „Stationenweges“ zu nähern.
???: Nun planen Sie die „Kinderwelten“…
Kieferle-Stotz: Die Konzeption der „Kinderwelten“ ist entstanden aus den langjährigen direkten Erfahrungen mit den betroffenen Kindern in unseren Kindertrauergruppen. Die „Kinderwelten“ stellen für die künftigen Besucher erfahrbar den Kontrast zwischen der
„heilen“ Kinderwelt und der oft schmerzhaft veränderten „Kindertrauerwelt“ dar: Für den „heilen“ Bereich wird symbolisch ein normaler Spielplatz stehen, ausgestattet mit „leisen“ Spielmöglichkeiten wie Sandkasten und Schaukel, durch die sich Friedhofsbesucher nicht gestört fühlen. Als Kontrast führt aber dann ein Weg von der symbolisch dargestellten „heilen Welt“ mitten hinein in die veränderte „Trauerwelt“
derjenigen Kinder, die vom Tod der Mutter, des Vaters, eines Geschwisters oder eines anderen nahestehenden Menschen betroffen sind.
???: Weshalb sind die „Kinderwelten“ nötig?
Kieferle-Stotz: Viele trauernde Kinder sind, wie Erwachsene auch, damit konfrontiert, dass ihr näheres Umfeld, ihre Freunde und Mitschüler irritiert und unsicher sind und leider auch häufig mit kränkenden und verletzenden Äußerungen reagieren. Mein großes Anliegen mit den „Kinderwelten“ ist es, einen eigenen Platz auf dem Hauptfriedhof zu schaffen, wo nicht nur trauernde Kinder und Jugendliche spüren können, dass sie mit dem Erlebten nicht alleine sind, sondern wir möchten vor allem Schulklassen einen altersgerechten Zugang zum Themenkreis „Abschied und Trauer“
anbieten. Meine Erfahrung im Rahmen der Trauerbegleitung am Hauptfriedhof ist, dass sich nicht betroffene Schüler sehr wohl einfühlsam und offen auf das Thema „Trau-
er“ einlassen, wenn sie in ihrer eigenen Sprache und aus der Sicht ihrer eigenen
Lebensumstände an das Thema heran geführt werden. Dies ist das Anliegen der „Kinderwelten“: Wir möchten damit betroffene Kinder unterstützen, aber gleichzeitig auch einen Beitrag zur Öffentlichkeitsarbeit für das Thema „Kinder- und Jugendtrau-
er“ schaffen.
???: Manche Eltern wollen ihre Kinder am liebsten ganz vom Thema Tod
verschonen...
Kieferle-Stotz: Die sicher gut gemeinte Absicht der Eltern, ihre Kinder vom Schmerz, von der Angst und den vielen anderen Gefühlen, die in der Trauer auftauchen,
verschonen zu wollen, finde ich sehr menschlich. Aber ich halte das nicht für machbar, denn der Tod und die Trauer begegnen ja schon den Kleinsten in vielen alltäglichen
Zusammenhängen: Wenn wir bei einem Spaziergang einen toten Vogel finden, wenn ein Haustier stirbt, wenn ein befreundetes Kind einen Angehörigen verliert und z.B.
im Kindergarten darüber spricht…
???: Warum ist es wichtig, dass auch Kinder, die nicht selbst betroffen sind, lernen, mit Tod und Sterben umzugehen?
Kieferle-Stotz: Ich halte dies zum einen deshalb für wichtig, da wir alle wahrscheinlich nicht ohne die tiefen Erfahrungen des Sterbens und des Todes durch unser Leben kommen.
???: Was erhoffen Sie sich von der Bevölkerung?
Kieferle-Stotz: Seit der Eröffnung 2007 haben die unterschiedlichsten Gruppen, z.B. Pflegemitarbeiter, Hospizkräfte, Lehrer, Militärseelsorger, sogar aus Österreich
und der Schweiz, den „Lebensgarten“ besucht. Viele dieser Besucher sind Multiplikatoren, die dann wiederum in ihrem Umfeld Ähnliches initiieren. Dies würden wir uns natürlich auch für die „Kinderwelten“ erhoffen. Aber neben allen Besuchern aus anderen Städten ist es natürlich in erster Linie die Karlsruher Bevölkerung, die „ihre“ hiesigen
Friedhöfe als wichtige Orte des Gedenkens und der Verbundenheit mit ihren
Verstorbenen erleben. Wenn wir die Grundhaltung „Der Friedhof ist für die Lebenden da“ spürbar machen wollen, können wir nicht nur das Augenmerk auf den betroffenen
Erwachsenen haben, sondern haben auch eine Verpfl ichtung gegenüber den betroffenen Kindern jeden Alters.
Trauerbegleiterin Barbara Kieferle-Stotz will Öffentlichkeitsarbeit zum Thema „Kinder und Jugendtrauer“ machen.
2) ASPEKTE-DIE EINMALIGKEIT DES LEBENS-EIN AUSSERGEWÖHNLICHER SKULPTURENRUNDGANG.
Mit der Dauerausstellung „Aspekte“ will das Friedhofs- und Bestattungsamt der Stadt Karlsruhe gemeinsam mit dem Info-Center am Hauptfriedhof und dem Verein zur Pflege der Friedhofs- und Bestattungskultur die gewachsene Friedhofs- und Gedenkkultur entscheidend wiederbeleben.
Ein Spaziergang über den Karlsruher Hauptfriedhof gleicht schon fast einer spannenden Erkundungsreise durch die Geschichte. Mit seinen 137 Jahren zählt er zu einem der ältesten kommunalen Parkfriedhöfe in Deutschland. Dass es an einem solchen Ort vieles zu entdecken gibt, wird jedem Besucher schnell klar: Unzählige Grabdenkmäler erzählen gleichsam Geschichte und Geschichten von Verstorbenen und ihrem Leben. Viele davon sind mit ihren Figuren, Symbolen und Ornamenten wahre Kunstwerke und verwandeln die Orte, an denen sie aufgestellt wurden, fast schon zu mystischen Plätzen. Zwei liebevoll restaurierte Kapellen empfangen die Besucher/innen mit ihrer einmaligen Atmosphäre.
Wer jedoch genau hinschaut, wird schnell merken: Die meisten dieser prächtigen Denkmäler stammen aus einer Zeit, die bereits viele Jahrzehnte zurückliegt. Aus einer Zeit, wo Grabdenkmäler das Leben der Verstorbenen repräsentieren sollten. Künstlerisch gestaltete Grabmale jüngeren Datums sind kaum zu finden. Nur selten lassen Angehörige heutzutage das Grabmal und die Grabstätte bezogen auf die Persönlichkeit des Verstorbenen anfertigen. Wichtige Elemente der Friedhofs- und Bestattungskultur, die im deutschsprachigen Raum seit über 200 Jahren gewachsen ist, gehen damit verloren. Ein Trend, der sich nicht nur auf dem Hauptfriedhof in Karlsruhe beobachten lässt, sondern auf fast allen Friedhöfen in Deutschland und der Schweiz.
Das Friedhofs- und Bestattungsamt der Stadt Karlsruhe will diesem Trend nun gemeinsam mit dem Info-Center am Hauptfriedhof und dem Verein zur Pflege der Friedhofs- und Bestattungskultur entgegenwirken. Mit der dauerhaften Gräberausstellung „Aspekte“, wollen die Verantwortlichen die deutschsprachige Friedhofskultur fördern sowie die Bedeutung von künstlerisch gestalteten Grabdenkmälern und individuellen Grabstätten hervorheben. An ausgewählten, exponierten Standorten auf dem Hauptfriedhof zeigen rund 56 Grabmalgestalter aus ganz Deutschland und aus der Schweiz künstlerisch und handwerklich gestaltete Grabmale. Es werden sehr beeindruckende Werke gezeigt, die beim Besucher die Begeisterung für die kulturelle und künstlerische Bedeutung des Grabmals wecken.
Die Ausstellung bedient sich auch der traditionellen Handwerkskunst. Die Besonderheit liegt aber darin, dass vielfältige Materialien eingesetzt werden, kombiniert oder auch einzeln. Die Gedenkstätten präsentieren sich Z. B. mit Glas, unterschiedlichen Metallen, verschiedenen Natursteinen bis hin zu Filz- und Drahtverarbeitungen. Diese neuen und ungewohnten Kombinationsverfahren wie auch die die ungeheuer große kreative Vielfältigkeit, machen diese Dauerausstellung modern und zeitgemäß.
Abgerundet wird das Gesamtbild der Grabstätte von der gärtnerischen Grabgestaltung, die gleichzeitig die Einzigartigkeit des Grabzeichens unterstreicht. Rund 46 Friedhofsgärtner aus der badischen Region beteiligen sich an der Dauerausstellung „Aspekte“ und zeigen ihr ganzes Können. Ihre Aufgabe ist es, die Gedanken und Konzepte der Grabmalgestalter in die Grabbepflanzung einfließen zu lassen, Elemente des Grabmals aufzugreifen und in der Gestaltung des Beetes wieder zu spiegeln. Nicht ganz einfach. Denn: Zusätzlich müssen noch Faktoren wie Lichtverhältnisse, Bodenbeschaffenheit oder die Eigenschaften der verwendeten Pflanzen beachtet werden. Da die einzelnen Grabstätten der Ausstellung auf Dauer angelegt werden, sind auch hier praxistaugliche Ideen gefragt. Die einzelnen Grabstätten werden dauerhaft von der Arbeitsgemeinschaft Karlsruher Friedhofsgärtner gepflegt.
Insgesamt werden 62 einzigartige Grabstätten an verschiedenen Plätzen auf dem Hauptfriedhof gezeigt. Die einzelnen Stationen bilden einen Rundweg, der gleichzeitig auch als Streifzug durch die gewachsene Friedhofskultur gedacht ist und den Friedhof mit all seinen unterschiedlichen Facetten vorstellt. „Wir wollen zum einen Menschen für die Friedhofskultur begeistern, die bisher noch keinen Zugang zu dieser Thematik hatten und zum anderen wollen wir das Interesse am individuellen Grabmal und der individuellen Grabstätte steigern“, sagt Matthäus Vogel, Leiter des Friedhofs- und Bestattungsamtes der Stadt Karlsruhe. Ähnlich wie Landes- oder Bundesgartenschauen sei die Dauerausstellung „Aspekte“ eine Leistungsschau der Grabmalgestalter und der Friedhofsgärtner – jedoch ohne zeitliche Begrenzung. „Wir wollen die Entwicklung unserer Friedhöfe mir einer neuen Dynamik vorantreiben und den Bestattungsalternativen, die oftmals keine bleibenden kulturellen Werte bietet, entgegentreten“, so Vogel. Das Besondere daran: Auf allen Grabstätten, die im Rahmen von „Aspekte“ gezeigt werden, können Beisetzungen vorgenommen werden. Die Grabstätten können zusammen mit dem Grabmal käuflich erworben werden.
Karlsruhe, den 17. Dezember 2011 |